Programm & Besetzung:
Christoph Willibald Gluck (1714–1787)
Orfeo ed Euridice (nach der Parma-Fassung von 1769)
Les Musiciens du Prince – Monaco, Il canto di Orfeo
Gianluca Capuano Dirigent
Cecilia Bartoli Orfeo, Melissa Petit Euridice und Amore
Glucks „Orfeo ed Euridice“ – eine Reise zwischen Liebe, Tod und Hoffnung
Es gibt Opernabende, die vor allem durch grosse Stimmen und spektakuläre Effekte beeindrucken. Und dann gibt es Aufführungen, die etwas viel Schwierigeres schaffen: Sie lassen für einen Moment die Zeit stillstehen. Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ in der Parma-Fassung von 1769 gehörte für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Im KKL Luzern präsentierten Les Musiciens du Prince – Monaco, Il Canto di Orfeo und Gianluca Capuano eine konzertante Aufführung, die Glucks Musik mit grosser emotionaler Direktheit zum Leben erweckte. Im Mittelpunkt standen Cecilia Bartoli als Orfeo sowie Mélissa Petit als Euridice und Amore.
Glucks Revolution der Oper
Gluck war ein grosser Reformator der Oper. Statt virtuoser Schaustücke und einer Handlung, die immer wieder zugunsten einzelner Arien zum Stillstand kommt, konzentrierte er sich auf das Wesentliche: Liebe, Verlust, Trauer, Hoffnung und die Unmöglichkeit, den Tod endgültig zu besiegen. Gerade diese Reduktion macht Orfeo ed Euridice bis heute so unmittelbar. Die Musik muss nichts beweisen. Sie erzählt, empfindet und dramatisiert aus sich selbst heraus. Dass eine fast 260 Jahre alte Oper noch eine solche emotionale Direktheit entwickeln kann, ist eine der grossen Leistungen dieses Werkes.
Cecilia Bartoli – ein Orfeo voller Verletzlichkeit
Cecilia Bartoli stand natürlich im Zentrum dieses Abends. Ihr Orfeo war keine demonstrative Heldengestalt, sondern ein zutiefst verletzlicher Mensch, der durch den Tod seiner geliebten Euridice aus der Bahn geworfen wurde. Bartoli muss dabei nichts erzwingen. Ihre Stimme besitzt auch in den leisesten Passagen eine enorme Präsenz. Kleine Veränderungen der Klangfarbe, feinste dynamische Abstufungen und eine aussergewöhnliche sprachliche Gestaltungskraft genügen, um die Verzweiflung dieser Figur unmittelbar erfahrbar zu machen.
Mélissa Petit – eine vertraute Stimme in neuer Rolle
Besonders gefreut habe ich mich auf Mélissa Petit. Ich hatte sie bereits 2017 in Bregenz als Carmen auf der Seebühne erlebt und zwei Jahre später dort als Gilda in Rigoletto. Nun begegnete sie mir in Luzern in zwei ganz anderen Rollen: als Euridice und Amore. Gerade deshalb war es spannend zu erleben, wie sie sich in Glucks konzentrierte Klangsprache einfügte.
Als Euridice bildete sie einen reizvollen stimmlichen Gegenpol zu Bartolis Orfeo. Ihre Stimme brachte eine andere Farbgebung und Leichtigkeit in die dramatische Entwicklung. Als Amore wiederum konnte sie eine ganz andere Seite zeigen. Die Verbindung von klarer Höhe, Beweglichkeit und Bühnenpräsenz machte ihren Doppelauftritt zu einem wichtigen Bestandteil des Abends.
Die tragische Prüfung der Liebe
Der Kern von Glucks Oper ist eigentlich erschreckend einfach: Orfeo erhält die Erlaubnis, Euridice aus der Unterwelt zurückzuführen. Eine einzige Bedingung wird ihm auferlegt: Er darf sich auf dem Rückweg nicht nach ihr umsehen. Was zunächst wie eine klare Prüfung erscheint, entwickelt sich zu einem psychologischen Drama. Euridice versteht nicht, warum ihr geliebter Orfeo sie nicht ansehen darf. Sie zweifelt an seiner Liebe und drängt ihn schliesslich dazu, das göttliche Gebot zu brechen. Aus Liebe wird Misstrauen, aus Hoffnung endgültig wieder Trauer.
Il Canto di Orfeo – eine starke musikalische Stimme
Eine besondere Rolle spielte „Il Canto di Orfeo“, das Gianluca Capuano bereits 2005 gründete. Der Chor ist bei Gluck weit mehr als ein musikalischer Hintergrund. Er kommentiert das Geschehen, verkörpert die Kräfte der Unterwelt und verstärkt die dramatische Atmosphäre. Besonders eindrücklich waren die Szenen, in denen die Chorstimmen von beinahe schwebender Schönheit plötzlich in eine bedrohliche Klangwelt umschlugen. Die beiden Vorlagen beschreiben diesen Wechsel eindrucksvoll: aus balsamischer Schönheit wird ein geradezu tosendes Unwetter.
Les Musiciens du Prince – Monaco mit klarem Klangbild
Auch das Orchester überzeugte mit einem transparenten, beweglichen Klang. Les Musiciens du Prince – Monaco, 2016 auf Initiative Cecilia Bartolis gegründet, sind besonders mit der historischen Aufführungspraxis und dem Repertoire vom 17. bis zum 19. Jahrhundert verbunden. Unter Capuanos Leitung wurden die orchestralen Farben nie zum Selbstzweck. Sie begleiteten die Handlung nicht einfach, sondern kommentierten und verstärkten sie. Gerade in Glucks Musik ist diese Verbindung von Orchester und dramatischem Geschehen entscheidend.
Gianluca Capuano – Dramatik ohne Übertreibung
Gianluca Capuano vertraute dabei offensichtlich auf die Kraft der Partitur. Er musste die Musik nicht künstlich dramatisieren. Vielmehr entwickelte sich die Spannung aus den musikalischen Kontrasten selbst: aus Stille und Ausbruch, aus lyrischer Innigkeit und bedrohlicher Klanggewalt. Besonders wirkungsvoll waren jene Passagen, in denen die Musik fast bis zur Stille zurückgenommen wurde und gerade dadurch die nächste Steigerung umso intensiver wirkte.
Die Unterwelt wird zum Klangraum
Bemerkenswert war, wie wenig äusserer Aufwand nötig war, um die Reise des Orfeo in die Unterwelt vorstellbar zu machen. Die Furien, die Chöre und die dunklen Orchesterfarben genügten vollkommen. Gluck vertraut darauf, dass Musik und menschliche Stimme allein eine ganze Welt erschaffen können. Gerade in der konzertanten Aufführung wurde diese Stärke besonders deutlich: Die Fantasie des Publikums bekam Raum, die Unterwelt entstand im Kopf jedes Einzelnen.
Ein Ende, das lange nachwirkt
Wenn Orfeo Euridice endgültig verliert, verzichtet Gluck auf jede übertriebene Operngeste. Die Tragik entsteht gerade aus der Klarheit und Einfachheit der Musik. Bartoli gelang es, diesen Schmerz nicht plakativ auszustellen, sondern zutiefst persönlich erscheinen zu lassen. Die letzten musikalischen Momente besitzen dadurch eine fast erschütternde Ruhe. In den beiden Vorlagen wird beschrieben, wie die Musik mit Euridices Lebenshauch langsam erlischt – ein Bild, das die ganze Tragik dieses Werkes zusammenfasst.
Ein Abend, der weit über eine Opernaufführung hinausging
Für mich war dieser Luzerner Orfeo deshalb nicht nur eine Begegnung mit einem grossen Werk der Operngeschichte, sondern auch ein Abend voller persönlicher Wiederbegegnungen. Cecilia Bartoli bestätigte eindrucksvoll ihren Ruf als aussergewöhnliche Interpretin des Orfeo. Mélissa Petit, die ich schon in Bregenz als Carmen und Gilda erlebt hatte, zeigte sich nun in zwei völlig anderen Rollen und gewann dadurch für mich nochmals ein neues musikalisches Gesicht.
Il Canto di Orfeo, Les Musiciens du Prince – Monaco und Gianluca Capuano fügten sich zu einem bemerkenswert geschlossenen Ensemble zusammen. Glucks Musik erwies sich dabei tatsächlich als zeitlos: Sie braucht keine spektakuläre Inszenierung, um unmittelbar zu berühren. Sie erzählt von Liebe, Verlust und menschlicher Verzweiflung – und damit von Dingen, die auch nach fast drei Jahrhunderten nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Ein Opernabend, der nicht mit lautem Effekt endet, sondern lange im Inneren weiterklingt und vom Auditorium mit einer stehenden Ovation und Bravorufen belohnt wurde.
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: Priska Ketterer, Peter Fischli und Patrick Hürlimann www.lucernefestival.ch
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