Lucerne Festival, Luzerner Sinfonieorchester | Michael Sanderling | Alexander Malofeev, 20.8.2026, besucht von Léonard Wüst

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KKL Luzern aussen nachts Foto KKL-Luzern Fotograf Ivan Suta

Luzerner Sinfonieorchester Foto Philipp Schmidli

Dirigent Michael Sanderling gibt klare Anweisungen Foto Patrick Hürlimann

 

Besetzung und Programm:
Luzerner Sinfonieorchester
Michael Sanderling Dirigent
Alexander Malofeev Klavier

Selim Palmgren (1878–1951)
Klavierkonzert Nr. 2 op. 33 Der Fluss
George Gershwin (1898–1937)
Rhapsody in Blue
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893)
Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Ein Konzertabend voller Entdeckungen und Begeisterung

Dirigent und Orchester hoch konzentriert Foto Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Es gibt Konzertabende, an denen man nach Hause geht und weiss: Dieser Abend wird in Erinnerung bleiben. Der Auftritt des Luzerner Sinfonieorchesters unter Michael Sanderling mit Alexander Malofeev am Klavier gehörte für mich eindeutig dazu. Schon die Programmwahl war ungewöhnlich: Selim Palmgrens selten gespieltes Klavierkonzert Nr. 2 „Der Fluss“, danach Gershwins „Rhapsody in Blue“ und nach der Pause Tschaikowskys Fünfte. Besonders bemerkenswert: Palmgrens Musik war damit zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Festivals zu hören.

Palmgrens „Der Fluss“ – eine echte Entdeckung

Mit Selim Palmgrens Klavierkonzert Nr. 2 op. 33 „Der Fluss“ begann der Abend mit einer musikalischen Entdeckung, die mich ausgesprochen beeindruckte. Das 1912 entstandene Werk ist technisch unglaublich anspruchsvoll. Kaskadenartige Läufe, symmetrische Arpeggien und ständig wechselnde Klangstrukturen verlangen dem Pianisten enorme Fähigkeiten ab. Die Musik fliesst praktisch ohne Unterbrechung von einer Passage in die nächste – ganz so, wie es der Titel verspricht.

Alexander Malofeev meistert eine Herkulesaufgabe

Solist am Piano Alexander MalofeevFoto Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Alexander Malofeev stellte sich dieser Herausforderung mit einer Souveränität, die mich besonders beeindruckte. Was technisch beinahe übermenschlich schwierig wirkt, erklang bei ihm mit einer Selbstverständlichkeit und Klarheit, die den Blick auf die eigentliche Musik freigab. Nie hatte man den Eindruck, dass hier ein Pianist lediglich versucht, die Schwierigkeiten zu bewältigen. Vielmehr gestaltete Malofeev die enormen Anforderungen musikalisch, lyrisch und mit grosser innerer Ruhe.

Gerade darin lag die Qualität dieser Interpretation: Die technische Brillanz drängte sich nicht in den Vordergrund, sondern wurde zum Mittel, Palmgrens faszinierende Klangwelt sichtbar zu machen.

Ein historischer Moment für das Festival

Dirigent, Solist und Orchester hochkonzentriert Foto Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Dass ausgerechnet dieses Werk nun erstmals beim Lucerne Festival erklang, verlieh der Aufführung zusätzliches Gewicht. Palmgren war bisher weder unter dem heutigen Namen Lucerne Festival noch während der Jahrzehnte als Internationale Musikfestwochen Luzern auf dem Programm vertreten.

Damit wurde aus einem Konzertbesuch zugleich ein kleines Stück Festivalgeschichte. Und es spricht für den Mut der Programmgestaltung, einem Komponisten, der im internationalen Konzertbetrieb weitgehend im Schatten der grossen Namen steht, diese Bühne zu geben.

Gershwins „Rhapsody in Blue“ – Malofeev zeigt eine andere Seite

Nach der Pause vor der Pause folgte mit George Gershwins „Rhapsody in Blue“ ein vollständiger Stilwechsel. Wo Palmgren nordische Spätromantik und hochkomplexe pianistische Strukturen bot, öffnete sich nun die musikalische Welt New Yorks: Jazz, Blues, Broadway und klassische Konzertmusik verschmolzen zu jener unverwechselbaren Klangsprache, die Gershwins Werk bis heute so populär macht.

 

Virtuosität mit Swing und Spielfreude

Auch hier zeigte Alexander Malofeev eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit. Nach der hochkonzentrierten Interpretation Palmgrens wechselte er scheinbar mühelos in Gershwins rhythmisch bewegte Welt. Technische Brillanz war erneut gefragt, diesmal aber verbunden mit Swing, Leichtigkeit und jenem besonderen Bluesgefühl, das die „Rhapsody“ unverwechselbar macht.

Das Luzerner Sinfonieorchester unter Michael Sanderling erwies sich dabei als kongenialer Partner. Die verschiedenen Klangfarben, die lyrischen Momente und die jazznahen Rhythmen wurden mit grosser Präzision und Spielfreude gestaltet.

Standing Ovation für Alexander Malofeev und seine Mitmusiker*innen

Solist Alexander Malofeev bedankt sich für die Ovationen Foto Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Nach dem Ende der „Rhapsody in Blue“, und damit nach Abschluss seines solistischen Auftritts an diesem Abend, erhob sich das Publikum zu einer Standing Ovation. Das war für mich einer der eindrücklichsten Momente des Konzertabends. Sie galt der aussergewöhnlichen Leistung Malofeevs, der zuvor bereits Palmgrens technisch extrem schwieriges Konzert so souverän bewältigt hatte.

Zwei völlig unterschiedliche Werke, zwei völlig unterschiedliche musikalische Welten – und in beiden überzeugte derselbe Pianist.

Tschaikowskys Fünfte – souverän gespielt, aber etwas deplatziert

Dirigent Michael Sanderling gibt klare Anweisungen

Nach der Pause gehörte die Bühne dem Luzerner Sinfonieorchester und Michael Sanderling mit Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64. Sanderling nahm sich der berühmten Schicksalssinfonie mit grosser Souveränität an. Die Interpretation war klanglich überzeugend, sorgfältig aufgebaut und zeigte die ganze orchestrale Stärke des Luzerner Ensembles. Die grossen Steigerungen wirkten kontrolliert, die lyrischen Passagen erhielten genügend Raum, und gerade die zahlreichen Wechsel zwischen Intimität und orchestraler Wucht waren präzise gestaltet.

Ein souveräner musikalischer Zugriff

Besonders überzeugend war Sanderlings Umgang mit den grossen Spannungsbögen. Das Schicksalsmotiv, das bereits zu Beginn in den Klarinetten erscheint und sich durch alle vier Sätze zieht, wurde nicht plakativ herausgestellt, sondern organisch in den musikalischen Verlauf eingebettet. Das Luzerner Sinfonieorchester zeigte dabei seine ganze klangliche Bandbreite: dunkle, beinahe kammermusikalische Passagen standen neben mächtigen Blechbläserausbrüchen und dichtem Streicherklang.

Zwischen Melancholie und Triumph

Streichersektion des OrchestersFoto Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Der zweite Satz mit seinem weit ausgesponnenen lyrischen Thema entwickelte eine schöne, warme Spannung. Auch der elegante Walzer des dritten Satzes gelang mit jener Mischung aus Leichtigkeit und unterschwelliger Unruhe, die Tschaikowskys Musik so charakteristisch macht. Im Finale schliesslich steigerte Sanderling die Spannung konsequent bis zum triumphalen Schluss. Die Sinfonie erhielt damit durchaus ihre grosse emotionale Wirkung und wurde vom Orchester technisch wie musikalisch souverän interpretiert.

Trotzdem nicht ganz am richtigen Platz

Und doch blieb bei mir nach diesem Konzert ein etwas eigenartiges Gefühl zurück: Tschaikowskys Fünfte wirkte nach der Pause etwas deplatziert. Nicht, weil die Interpretation nicht überzeugt hätte – im Gegenteil. Gerade die Qualität der Aufführung machte den Kontrast umso deutlicher. Vor der Pause hatten Palmgrens „Der Fluss“ und Gershwins „Rhapsody in Blue“ einen ungewöhnlichen, überraschenden und ausgesprochen lebendigen Spannungsbogen gebildet. Zuerst die sensationelle Festivalpremiere eines praktisch unbekannten Komponisten, dann Gershwins amerikanische Klangwelt und Alexander Malofeevs beeindruckender Doppelauftritt.

Ein Bruch in der Dramaturgie

Dirigent und Orchester hoch konzentriert Foto Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Nach dieser Kombination erwartete man fast unwillkürlich eine Fortsetzung jener Entdeckungsfreude und stilistischen Offenheit. Stattdessen folgte mit Tschaikowskys Fünfter ein Werk, das zum grossen, vertrauten sinfonischen Repertoire gehört. Die offizielle Programmkonzeption verstand Palmgren und Tschaikowsky durchaus als hochromantische Verbindung. Im Konzert selbst empfand ich diese Verbindung allerdings weniger zwingend. Der emotionale und musikalische Sprung war deutlich grösser, als es die Programmidee zunächst vermuten liess.

Ein starkes Werk – aber nicht der stärkste Abschluss

So blieb Tschaikowskys Fünfte für mich eine sehr gute und souveräne Interpretation eines grossen sinfonischen Meisterwerks, gleichzeitig aber ein etwas überraschender Fremdkörper nach dem aussergewöhnlichen ersten Konzertteil. Vielleicht wäre gerade nach Palmgren und Gershwin ein Werk mit stärkerem Bezug zur musikalischen Entdeckungsreise des Abends die spannendere Fortsetzung gewesen.

Und dennoch: Die Leistung des Luzerner Sinfonieorchesters und Michael Sanderlings verdient Anerkennung. Tschaikowskys Fünfte wurde mit grosser musikalischer Sicherheit, klanglicher Differenzierung und überzeugender dramatischer Gestaltungskraft gespielt. Nur wollte sich bei mir nach dem so aussergewöhnlichen Vorpausenprogramm die ganz grosse Begeisterung nicht mehr in gleicher Weise einstellen. Das Auditorium feierte die Künstler*innen trotzdem mit einem langanhaltendem stürmischen Schlussapplaus der mit der Zugabe in Form der Slawischen Tänze Opus 72 von Antonín Dvořák belohnt wurde.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: Priska Ketterer, Peter Fischli und Patrick Hürlimann  www.lucernefestival.ch

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Dirigent, Solist und Orchester hochkonzentriert Foto Patrick Hürlimann LucerneFestival

Alexander Malofeev Solist am Klavier

Chefdirigent Michael Sanderling beschwört sein Orchester.

Die Ausführenden freuen sich über die Standing Ovation Foto Patrick Hürlimann LucerneFestival