Lucerne Festival, Chineke! Orchestra | Cape Town Opera | Enrique Mazzola, KKL Luzern, 13. 10.2026, besucht von Léonard Wüst

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Das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) bei Nacht

Chineke! Orchestra

Elizabeth Llewellyn sang Bess in der Luzerner Aufführung von Gershwins Porgy and Bess Foto Frances Marshall

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

 

 

Programm und Besetzung:
George Gershwins „Porgy & Bess“

Chineke! Orchestra, Cape Town Opera, Enrique Mazzola Dirigent
Magdalene Minnaar Regie, Shaun Oelf & Grant van Ster Choreographie
Malika Rosalind Dramaturgie und Spielfassung, Maritha Visagie Kostüme
Nonhlanhla Yende Bess, Siyabulela Ntlale Porgy, Conroy Scott  Crown
Lukhanyo Moyake Sportin’ Life, Brittany Smith Clara
Siphamandla Moyake Serena, Lungelwa Mdekazi Maria

George Gershwin – «Porgy and Bess»: Ein fulminantes Schlussbouquet

Mit «Porgy and Bess» von George Gershwin endet für mich meine persönliche Konzertreise durch das Lucerne Festival. Und es ist ein Abschluss, der kaum unterschiedlicher sein könnte als die monumentale «Götterdämmerung» zuvor. Wo Richard Wagner eine Welt aus Göttern, Helden und mythischem Untergang entstehen lässt, führt Gershwin mitten hinein in eine gesellschaftliche Realität aus Armut, Liebe, Gewalt und Hoffnung.

Im KKL Luzern erklingt «The Gershwins’ Porgy and Bess», Gershwins grosse amerikanische Oper nach DuBose und Dorothy Heyward sowie Ira Gershwin. Auf dem Podium stehen das Chineke! Orchestra und die Cape Town Opera, dirigiert von Enrique Mazzola.

Mehr als «Summertime»

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Kaum eine Oper wird so häufig auf einzelne weltberühmte Melodien reduziert wie «Porgy and Bess». «Summertime», «It Ain’t Necessarily So» oder «I Got Plenty o’ Nuttin’» gehören längst weit über die Opernbühne hinaus zum musikalischen Allgemeingut.

Doch gerade diese Popularität kann den Blick auf das eigentliche Werk verstellen. Gershwin wollte kein gewöhnliches Broadway-Musical schreiben, sondern eine grosse amerikanische Oper. Allerdings klingt diese Oper nicht nach Verdi oder Wagner. Spirituals, Jazz, Blues und amerikanische Popularmusik verbinden sich mit klassischen Formen des Musiktheaters zu einer eigenen, damals völlig neuartigen Klangsprache.

Black is beautiful

Eine besondere Bedeutung erhält die Luzerner Aufführung durch ihre Besetzung. «Porgy and Bess» erklingt mit einem Cast, der ausschliesslich mit schwarzen Sängerinnen und Sängern besetzt ist – ganz im Sinne George Gershwins. Schon für die Entstehung des Werkes war ihm wichtig, dass die Geschichte der schwarzen Gemeinschaft von Catfish Row auch von schwarzen Künstlerinnen und Künstlern verkörpert werden sollte.

Das war 1935 alles andere als selbstverständlich und verleiht dem Werk bis heute eine besondere historische und gesellschaftliche Dimension. Gershwin thematisiert das Leben, Lieben und Leiden einer unterprivilegierten schwarzen Gemeinschaft, ohne deren Menschen auf eine blosse Folklorekulisse zu reduzieren.

Catfish Row – eine Gemeinschaft als Hauptfigur

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

«Porgy and Bess» spielt in Catfish Row, einer armen afroamerikanischen Gemeinschaft in Charleston. Gershwin und seine Librettisten zeigen keine idealisierte Welt. Armut, Gewalt und soziale Abhängigkeiten gehören ebenso zur Realität wie Zusammenhalt, Religion, Lebensfreude und die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Im Mittelpunkt steht Porgy, ein körperlich eingeschränkter Mann, der gesellschaftlich am Rand steht und dennoch eine grosse innere Stärke besitzt. Als Bess in sein Leben tritt, eröffnet sich für beide die Möglichkeit einer Liebe, die einen Neuanfang bedeuten könnte.

Doch neben Porgy und Bess ist die Gemeinschaft selbst eine der Hauptfiguren. Der Chor ist nicht bloss Hintergrund, sondern wird zum musikalischen und dramatischen Zentrum. Die Menschen erleben gemeinsam Freude und Trauer, Hoffnung und Katastrophe.

«Summertime» – Schönheit und Sehnsucht

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival, Hush little Babay dont you cry

Schon zu Beginn erklingt mit «Summertime» eine der berühmtesten Melodien der Musikgeschichte. Clara singt ihr Wiegenlied, und Gershwin schafft eine Atmosphäre von Wärme, Sehnsucht und beinahe zeitloser Ruhe.

Gerade weil die Handlung später eine so düstere Entwicklung nimmt, besitzt dieser Beginn eine besondere Wirkung. Die Schönheit der Musik steht in einem starken Kontrast zur harten Realität, in der die Menschen von Catfish Row leben.

Die Luzerner Aufführung macht dabei von Anfang an deutlich, dass hinter den bekannten Melodien ein grosses Musikdrama steht.

ERSTER TEIL – Eine Welt zwischen Liebe, Gewalt und Hoffnung

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Bess gehört zu den komplexesten Figuren der Oper. Sie steht zwischen ihrer Vergangenheit und der Möglichkeit eines neuen Lebens mit Porgy. Mit Crown verbindet sie eine gewalttätige Beziehung, aus der sie sich nur schwer lösen kann. Sportin’ Life wiederum verkörpert Verführung und den scheinbar einfachen Ausweg in eine andere Welt.

Porgy bietet Bess dagegen etwas völlig anderes: Zuwendung, Liebe und Sicherheit. Für einen Moment scheint tatsächlich ein gemeinsames Glück möglich.

Porgy und Bess – ein zerbrechliches Glück

Im weiteren Verlauf beginnt Bess, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen. Porgy gibt ihr jene Zuwendung, die sie bisher kaum erfahren hat. Seine Liebe ist nicht von Besitz oder gesellschaftlicher Stellung bestimmt. Gerade weil er selbst am Rand der Gesellschaft steht, wird seine Beziehung zu Bess zu einem menschlich besonders berührenden Kern des Werkes.

Eine der bekanntesten Nummern, «I Got Plenty o’ Nuttin’», bringt Porgys besondere Haltung auf den Punkt. Porgy besitzt kaum etwas – und doch empfindet er einen Reichtum, der nichts mit Geld oder Besitz zu tun hat.

Gerade darin liegt eine der berührendsten Seiten dieser Figur: Porgy definiert seinen Wert nicht über das, was er besitzt. Seine Liebe zu Bess gibt seinem Leben einen neuen Sinn.

ZWEITER TEIL – Wenn der Sturm über Catfish Row hereinbricht

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Doch Gershwins Geschichte wäre keine Tragödie, wenn dieses Glück von Dauer sein könnte. Crown taucht wieder auf und versucht, Bess zurückzugewinnen. Die Vergangenheit lässt sie nicht los, und das fragile Gleichgewicht in Catfish Row beginnt endgültig zu zerbrechen.

Gerade hier zeigt sich Gershwins aussergewöhnliche Fähigkeit, unterschiedliche musikalische Welten miteinander zu verbinden. Jazz, Spirituals, Blues und klassische Oper verschmelzen zu einer eigenständigen Sprache.

Diese Mischung ist kein dekorativer Effekt. Sie gehört zum Kern des Werkes. Gershwin suchte nach einer eigenständigen amerikanischen Opernsprache – und «Porgy and Bess» ist bis heute eines der eindrücklichsten Ergebnisse dieser Suche.

Die berühmten Melodien machen den Zugang zum Werk leicht. Doch dahinter steht ein vielschichtiges Musikdrama mit grossen Ensembles, dramatischen Szenen und emotionalen Höhepunkten.

Ein Hurrikan als musikalisches und szenisches Ereignis

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Besonders eindrücklich wird die Dramatik im zweiten Aufzug, als der Hurrikan über Catfish Row und die Fischer auf dem Meer hereinbricht. Die Musik steigert sich zu einer gewaltigen Naturkatastrophe.

Die konzertante Aufführung verzichtet dabei keineswegs auf szenische Wirkung. Eine geradezu spektakuläre Lichtregie verwandelt das Saallicht in ein regelrechtes Blitzgewitter. Die plötzlichen Lichtblitze verstärken die Gewalt des Sturms und verleihen der Szene eine geradezu körperlich spürbare Dramatik.

Sänger aus der Galerie

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival, Sängerin auf der Galerie

Eine besondere Wirkung entsteht zudem zu Beginn des zweiten Aufzugs: Eine Sängerin und danach ein Sänger treten nicht vom Podium aus in Erscheinung, sondern singen von der ersten Galerie herunter.

Damit wird der Konzertsaal selbst Teil des musikalischen Geschehens. Die Stimmen kommen gewissermassen aus der Gemeinschaft heraus und erweitern den Bühnenraum über das Orchesterpodium hinaus.

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival, Sänger auf der Galerie

Gerade bei einem Werk, dessen Gemeinschaft von Catfish Row eine so zentrale Rolle spielt, ist dies eine überzeugende Idee.

 

 

 

 

 

DRITTER TEIL – Verlust und eine letzte Hoffnung

Am Ende verdichtet sich die Geschichte zur Tragödie. Gewalt und Verlust bestimmen das Geschehen, und die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben von Porgy und Bess gerät endgültig in Gefahr.

Bess wird erneut von ihrer Vergangenheit eingeholt. Sportin’ Life gewinnt Einfluss auf sie und lockt sie mit der Aussicht auf ein neues Leben in New York. Porgy bleibt zurück.

Ein Ende ohne einfache Lösung

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Das Ende von «Porgy and Bess» gehört zu jenen Opernschlüssen, die trotz aller Tragik nicht vollständig hoffnungslos wirken. Porgy gibt nicht auf. Er entscheidet sich, Bess zu suchen.

Damit endet das Werk nicht mit einem endgültigen Zusammenbruch, sondern mit Bewegung. Porgy macht sich auf den Weg.

Ob dieser Weg wirklich zu Bess führt, bleibt offen. Doch gerade diese Offenheit verleiht dem Schluss seine besondere Kraft. Der Mann, der zu Beginn scheinbar kaum Möglichkeiten besitzt, nimmt sein Schicksal nun selbst in die Hand.

Ein Aufbruch ins Ungewisse

Die Reise, die Porgy am Ende beginnt, ist deshalb mehr als eine geografische Bewegung. Sie wird zum Symbol für Hoffnung und Beharrlichkeit.

Gershwin lässt seine Oper nicht in einer triumphalen Erlösung enden. Die Zukunft bleibt ungewiss. Aber Porgy entscheidet sich gegen Resignation.

Gerade darin liegt die grosse emotionale Kraft dieses Schlusses.

CHINEKE! ORCHESTRA UND CAPE TOWN OPERA

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Die Verbindung des Chineke! Orchestra mit der Cape Town Opera erweist sich für dieses Werk als besonders spannende Begegnung. Gershwins Musik verlangt rhythmische Präzision ebenso wie grosse operatische Ausdruckskraft. Sie muss swingen können, darf aber nie zur blossen Unterhaltung werden.

Das Chineke! Orchestra, das bereits früher beim Lucerne Festival zu erleben war, zeigt hier eine ganz andere Seite seines musikalischen Könnens. Gershwins Partitur verlangt ständige Wechsel zwischen den unterschiedlichen musikalischen Welten – zwischen Jazz und Blues, Spirituals und klassischer Oper.

Enrique Mazzola hält die Fäden zusammen

Dirigent Enrique Mazzola hält die Fäden zusammen

Dirigent Enrique Mazzola führt diese verschiedenen Elemente überzeugend zusammen. Die Musik darf ihre rhythmische Energie entfalten, verliert aber nie ihren dramatischen Zusammenhang. Gerade in den grossen Ensembles wird deutlich, wie sorgfältig Gershwin die unterschiedlichen musikalischen Idiome zu einem grossen Ganzen verbindet.

Die Cape Town Opera wiederum bringt jene unmittelbare Bühnenpräsenz ein, die für «Porgy and Bess» entscheidend ist. Die Sängerinnen und Sänger gestalten nicht nur einzelne Arien und Nummern, sondern werden zu einem Teil dieser lebendigen Gemeinschaft von Catfish Row.

Das südafrikanische Opernensemble überzeugt nicht nur gesanglich, sondern, trotz der ungewohnt kleinen Bühne, auch schauspielend.

Ein würdiger Abschluss meiner Festivalreise

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Für mich ist dieses Konzert zugleich der Abschluss einer intensiven Festivalzeit. Nach grossen Sinfoniekonzerten, Klavierrezitalen und der monumentalen Wagner-Welt folgt zum Schluss nochmals eine völlig andere musikalische Sprache.

Vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz: Gershwin verbindet Tragik und Lebensfreude, Schmerz und Hoffnung, Oper und Jazz. Nach Wagner und seiner untergehenden Götterwelt steht hier eine andere Form des Untergangs – und zugleich die Hoffnung des Menschen, trotz aller Widrigkeiten weiterzugehen.

«Porgy and Bess» zeigt, wie unterschiedlich Musik erzählen kann: von Wagners mythischer Welt über Chopins Klavierpoesie bis hin zu Gershwins Catfish Row. Und gerade weil dieses Werk nicht mit einer endgültigen Erlösung endet, sondern mit einem Aufbruch ins Ungewisse, bleibt es im Gedächtnis.

Ein fulminantes Schlussbouquet

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Das begeisterte Auditorium feierte die Ausführenden mit einer minutenlangen „Standing Ovation“. Diese konzertante „Porgy& Bess“ Aufführung, wahrlich ein fulminantes Schlussbouquet des ersten Sommerfestivals des neuen Festival Intendanten Sebastian Nordmann.

 

 

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: Priska Ketterer, Peter Fischli und Patrick Hürlimann  www.lucernefestival.ch

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Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival

Porgy and Bess Szenenfoto von Patrick Hürlimann Lucerne Festival Die Ausführenden geniessen die Standing Ovation