Lucerne Festival, Rezital Augustin Hadelich & Seong-Jin Cho, KKL Luzern, 24.8.2026, besucht von Léonard Wüst

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Das KKL in Luzern bei Nacht

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Besetzung und Programm:
Augustin Hadelich Violine, Seong-Jin Cho Klavier
Johannes Brahms (1833–1897)
Violinsonate Nr. 1 G-Dur op. 78
Leoš Janáček (1854–1928)
Violinsonate
Amy Beach (1867–1944)
Romanze für Violine und Klavier op. 23
Sergej Prokofjew (1891–1953)
Violinsonate Nr. 2 D-Dur op. 94a

Augustin Hadelich und Seong-Jin Cho – ein Rezital voller Kontraste und musikalischer Raffinesse

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Es gibt Konzertabende, bei denen sich bereits nach den ersten Minuten zeigt, dass zwei Musiker nicht einfach nebeneinander musizieren, sondern tatsächlich miteinander kommunizieren. Beim Rezital von Augustin Hadelich und Seong-Jin Cho im KKL Luzern war dieses gegenseitige Zuhören von Beginn an spürbar. Hadelich, «artiste étoile» des Lucerne Festival 2026, und der südkoreanische Pianist traten erstmals gemeinsam auf – eine Begegnung, die sich über vier höchst unterschiedliche Werke von Brahms, Janáček, Amy Beach und Prokofjew entwickelte.

Brahms – innig, persönlich und voller Erinnerung

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Den Auftakt bildete Johannes Brahms’ Violinsonate Nr. 1 G-Dur op. 78, die sogenannte «Regenlied-Sonate». Brahms verarbeitet darin Motive aus seinen früheren Regenliedern op. 59 und verbindet sie zu einem Werk von aussergewöhnlicher Geschlossenheit. Hinter der scheinbar lyrischen Idylle verbirgt sich allerdings auch eine persönliche und melancholische Dimension. Gerade das langsame Adagio besitzt eine Tiefe, die weit über romantische Gefälligkeit hinausgeht.

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Hadelich fand dafür den idealen Ton: kultiviert, klar und mit feinsten Abstufungen in der Dynamik. Seine Violine sang, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Seong-Jin Cho war dabei ein vollkommen gleichberechtigter Partner. Immer wieder wurden musikalische Gedanken vom einen Instrument aufgenommen und vom anderen weitergeführt. Es entstand ein Dialog, bei dem tatsächlich der Eindruck entstand, dass beide Musiker einander ständig zuhören und aufeinander reagieren.

Janáček – plötzlich wird die Musik unberechenbar

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Nach der Wärme und Innigkeit Brahms’ konnte der Kontrast kaum grösser sein. Leoš Janáčeks Violinsonate öffnete eine völlig andere Klangwelt: leidenschaftlich, kantig, nervös und voller überraschender Wendungen. Die Violine stürzt sich gleichsam in einen leidenschaftlichen Gesang, während das Klavier mit Tremoli und rhythmischen Impulsen für zusätzliche Unruhe sorgt. Janáčeks Musik wirkt spontan und improvisatorisch, ist aber gleichzeitig präzise konstruiert.

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Hadelich zeigte hier eine andere Seite seines Könnens. Aus dem reinen, fast gläsernen Geigenton des Brahms wurde ein rauerer, schärfer konturierter und ausgesprochen expressiver Klang. Besonders reizvoll waren die Gegensätze innerhalb der Sonate: auf eruptive Ausbrüche folgen lyrische, beinahe zärtliche Momente. Und dann ist da dieses ungewöhnliche Finale, das keineswegs triumphal endet, sondern sich mit einer geradezu berückend zarten Berceuse langsam in die Stille zurückzieht.

Amy Beach – ein kleiner musikalischer Farbtupfer

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Mit Amy Beachs Romanze für Violine und Klavier op. 23 wechselte die Stimmung erneut. Das kurze, 1893 entstandene Werk besitzt eine ausgesprochen melodische, hochromantische Sprache. Es wurde bei der Weltausstellung in Chicago uraufgeführt, mit Beach selbst am Klavier und der Geigerin Maud Powell, der das Stück auch gewidmet ist.

Für mich hatte die Romanze etwas auffallend Leichtes und erinnerte stellenweise tatsächlich an Wiener Operettenmusik. Gerade nach der expressiven Welt Janáčeks war das ein wohltuender Wechsel. Hadelich konnte seinen warmen, kultivierten Ton hier voll ausspielen, während Cho die romantische Linie des Klaviers behutsam weiterführte. Das Stück ist klein, aber keineswegs belanglos – eher ein charmantes musikalisches Innehalten vor dem völlig anders gearteten Finale des Abends.

Prokofjew – Leichtigkeit mit einem Schuss Ironie

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Den Abschluss bildete Sergej Prokofjews Violinsonate Nr. 2 D-Dur op. 94a. Ursprünglich als Flötensonate entstanden, wurde das Werk 1943 auf Anregung des Geigers David Oistrach für Violine umgearbeitet. Prokofjew übertrug die Musik dabei nicht einfach, sondern passte den Solopart gemeinsam mit Oistrach an die besonderen Möglichkeiten der Violine an.

Das Ergebnis ist ein Werk von enormer rhythmischer Beweglichkeit. Der erste Satz besitzt Energie und virtuose Brillanz, der zweite öffnet eine lyrischere, intimere Welt, bevor Scherzo und Presto nochmals Tempo und Witz ins Spiel bringen. Gerade diese Mischung aus tänzerischer Leichtigkeit, kantiger Rhythmik und überraschenden Wendungen liegt Hadelich offensichtlich. Die Violine muss hier nicht nur singen, sondern auch pointieren, tänzeln und blitzschnell reagieren.

Seong-Jin Cho – weit mehr als ein Begleiter

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Über den gesamten Abend hinweg wurde deutlich, wie wichtig Seong-Jin Cho für das Gelingen dieses Rezitals war. In keinem der vier Werke beschränkte er sich darauf, die Violine zu begleiten. Bei Brahms entstand ein tiefes kammermusikalisches Gespräch, bei Janáček wurde das Klavier zum rhythmischen und emotionalen Gegenpol, bei Beach zum Träger romantischer Wärme und bei Prokofjew zum ebenbürtigen Partner voller rhythmischer Präzision.

Ein Rezital lebt von seinen Gegensätzen

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Gerade die Programmgestaltung erwies sich als grosse Stärke dieses Abends. Brahms, Janáček, Beach und Prokofjew könnten unterschiedlicher kaum sein. Vom melancholischen «Regenlied» über Janáčeks leidenschaftliche Unruhe und Beachs romantische Leichtigkeit bis zum rhythmisch brillanten Prokofjew entstand ein musikalischer Spannungsbogen, der den Zuhörer immer wieder in neue Klangwelten führte.

Besonders gelungen war dabei, dass Hadelich seinen Ton nicht als unveränderliches Markenzeichen einsetzte. Er passte ihn der jeweiligen Musik an: warm und innig bei Brahms, kantig und aufgewühlt bei Janáček, lyrisch bei Beach und beweglich, präzise und geistreich bei Prokofjew.

Zwei Musiker, die sich gefunden haben

Hadelich und Cho Konzertfoto von Priska Ketterer Lucerne Festival

Dass Augustin Hadelich und Seong-Jin Cho an diesem Abend erstmals gemeinsam auftraten, machte das Rezital zusätzlich spannend. Nach vier Werken war jedenfalls kaum noch etwas von einem vorsichtigen gegenseitigen Kennenlernen zu spüren. Aus zwei herausragenden Solisten war ein Kammermusikduo mit eigener gemeinsamer Sprache geworden.

Ein Abend also, der nicht von einem einzigen spektakulären Höhepunkt lebte, sondern von der Vielfalt seiner musikalischen Perspektiven. Und vielleicht war genau das seine grösste Qualität: Vier Komponisten, vier Klangwelten, zwei aussergewöhnliche Musiker – und ein Rezital, das gerade durch seine Gegensätze in Erinnerung bleibt.

Das Auditorium feierte die beiden Ausnahmemusiker mit stümischem, langanhaltendem Applaus und einer stehenden Ovation, wofür sich die beiden mit einer kurzen Zugabe, vierhändig am Klavier, erkenntlich zeigten.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: Priska Ketterer, Peter Fischli und Patrick Hürlimann  www.lucernefestival.ch

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Seong-Jin Cho Klavier

Augustin Hadelich Violine am Lucerne Festival

Augustin Hadelich an der Geige und Seong-Jin Cho am Piano harmonieren musikalisch perfekt Foto Priska Ketterer

Die beiden Künstler bei der Zugabe zu zweit am Klavier Foto von Priska Ketterer Lucerne Festival