Seebühne Bregenz „La traviata“ von Giuseppe Verdi, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

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Die Bregenzer Seebühne bereit für „La Traviata“

Die vollbesetzte Festspielbühne Symbolbild Bregenzer Festspiele Lisa Mathis

«Liebe mich, Alfredo, so sehr wie ich dich liebe», singt Violetta zwar noch, erlebt einen letzten Moment der Freude mit ihm und ihren Blumen, aber … Foto Bregenzer Festspiele Daniel Ammann

Das Wasser als Spiel- und Tanzfläche Foto Bregenzer Festspiele Anja Koehler

Inszenierung
Damiano Michieletto <
Bühne Paolo Fantin Kostüme Carla Teti
Licht Alessandro Carletti Video Roland Horvath
Choreografie Thomas Wilhelm Ton Alwin Bösch, Clemens Wannemacher
Besetzung:
Violetta Valéry Stacey Alleaume Alfredo Germont Long Long
Giorgio Germont Audun Iversen Flora Bervoix Angela Simkin
Gastone Francisco Brito Barone Douphol Michael C. Havlicek
Dottore Grenvil Stanislav Vorobyov Marchese d’Obigny Janne Sihvo
Annina Melissa Zgouridi Giuseppe Aaron Godfrey-Mayes
Musikalische Leitung
Kirill Karabits
Statisterie der Bregenzer Festspiele
Bregenzer Festspielchor
Leitung Benjamin Lack
Prager Philharmonischer Chor
Leitung Lukáš Kozubík
Wiener Symphoniker

La traviata Szenenfoto von Bregenzer Festspiele Anja Koehler

Ein Besuch der Bregenzer Festspiele geht weit über einen üblichen Opernbesuch hinaus. Da ist die friedliche Stimmung auf dem Festspielgelände mit all den unterschiedlichen Menschen, die mit fortschreitendem Abend den Platz füllen. Dann sind da die Service-Mitarbeitenden, trotz Besucher-Ansturm freundlich und aufmerksam, die Platzanweisenden, zuvorkommend und hilfsbereit, und dieses Mal, die Toiletten-Aufseherin, die in einer Art Sing-Sang die ellenlange Frauen-Warteschlange dirigiert; «Zwei links frei, eine rechts, vergessen sie Ihr Portemonnaie nicht, Ihre Jacke, Ihre Unterhosen» Selten haben so viele Frauen so gut gelaunt und lachend eine öffentliche Toilette verlassen. «Ich hatte bereits meinen ersten Akt» meinte eine. Dann ist da der Einmarsch des Publikums auf die Tribüne, die Ränge, die sich füllen, der Abend, der sich in unglaublichen Farben langsam über See und Bühne legt, hellgelb-orange bis violett-dunkelrot, blauschwarz das Wasser. Die Motoryacht Emily, die am Steg neben der Bühne anlegt und die Passagiere, die sich als schwarze Silhouetten gegen den Abendhimmel zur Tribüne begeben. Ein paar Pedalos und Boote positionieren sich im See, letzte Selfies werden gemacht, immer mehr Fächer werden ausgepackt und verteilen ein Geruchs-Gemisch von Parfüm und Mückenspray über das farbige Meer von Köpfen. Dann gehen die Lichter aus und die ersten, leisen Töne der Ouvertüre ertönen.

Die Traviata im Lauf der Jahre

La traviata Szenenfoto von Bregenzer Festspiele Anja Koehler

Die Traviata von Verdi steht auf dem Programm in Bregenz, die Geschichte der schwerkranken Kurtisane Violetta Valéry, die zwischen Lebenshunger, den Zwängen der Gesellschaft und der grossen Liebe zu Alfredo Germont hin und hergerissen ist. Es ist eine meiner Lieblings-Opern und ich habe sie über all die Jahre oft und in unterschiedlichsten Inszenierungen gesehen. Ganz früher als Film von Zeffirelli mit Domingo und Stratas, als Aufzeichnung aus Salzburg mit Netrebko und Villazon, mal verstörend hässlich im Drogenmilieu, mal romantisch-traditionell, mal mit Alfredo mit Gärtnerschürze und Schubkarre im Landhaus, und, grossartig und unvergesslich, Nicole Chevalier, die vor ein paar Jahren auf der Luzerner Bühne die ganze Traviata alleine bestritten hat. Jetzt also Bregenz, mit Spannung erwartet! Der italienische Regisseur Damiano Michieletto versetzt die Handlung in die glamourösen 1920er Jahre mit rauschenden Festen. Und vom Bühnenbild erwartet man einiges, es ist ja Bregenz!

Ein Spiegel und viele Scherben

La traviata Szenenfoto von Bregenzer Festspiele Anja Koehler

Man hat bereits etliches hören und lesen können über dieses Bühnenbild, diesen riesigen, kaputten Spiegel, der schräg in den Himmel ragt, grandios, imposant und Symbol für die Zerrissenheit Violettas. Vor Ort wirkt er noch viel gigantischer als auf den Fotos. Er wird beleuchtet, bespielt, dient als Projektionsfläche für Videosequenzen des vergangenen Lebens von Violetta. Scherben werden aufgeklappt und geben im zweiten Akt Einblick in ein Boudoir auf der rechten Seite, wo Alfredo gerade die Wände neu streicht und auf einen Raum auf der linken Seite, wo ein Arzt Röntgenbilder prüft. Dieses spektakuläre Bühnenbild ist am stimmigsten in den Szenen der rauschenden Feste mit den funkelnden Kostümen, den Tanz- und Showeinlagen. Bei den intimen Szenen ist es manchmal schwierig, die Protagonist*innen in dieser riesigen Bühnenlandschaft zu finden und deren Emotionen wahrzunehmen. Das mag aber auch am Sitzplatz in den hintersten Rängen gelegen haben.

Wasser um des Wassers Willen

La traviata Szenenfoto von Bregenzer Festspiele Anja Koehler

Dann ist da das Wasser, dieser Infinity-Pool vor der Bühne mit beleuchteten Scherben, ein schönes Bild, und wenn im ersten Akt ein Teil der mondänen Pariser Gesellschaft in schillernden Badeanzügen mit Luftmatratzen und Schwimmringen drin herumplantscht, ist das stimmig. Stimmig auch, wenn Alfredo, Violetta und Giorgio Germont auf separaten, weit auseinanderliegenden Scherben-Inseln stehen und versuchen, sich zu erklären und zu verstehen und nicht zueinander kommen. Eher seltsam aber, wenn Vater Germont beim Besuch bei Violetta mit seinem Koffer auf einer dieser Scherbeninseln steht, da wirkt er wie ein Schiffbrüchiger und auch der Anblick von elegant gekleideten Männern, welche mehr oder weniger elegant im Wasser herumwaten, ist gewöhnungsbedürftig. Und warum Alfredo im letzten Akt durchs Wasser auf die sterbende Violetta zugeht, erschliesst sich einen nicht wirklich und nimmt der Szene ein Stück weit die Dramatik. Wasser um des Wassers Willen und weils da ist?

Musikalische Perfektion

Schliesslich erliegt Violettaeinsam auf einer eiskalten Spiegelscherbe der Tuberkulose Foto Bregenzer Festspiele Anja Koehler

Musikalisch gesehen lässt diese Traviata aber rein gar nichts zu wünschen übrig, die Wiener Symphoniker, wie üblich nur zu sehen über kleine Monitore, begleiten mal virtuos, mal spritzig, mal leise und feinsinnig unter Kirill Karabits. Wie dieser das Ganze nahtlos zusammenführt und leitet, ist absolut bewundernswert. Stacey Alleaume gibt an diesem Abend eine wunderbar stolze, gleichzeitig verletzliche und zerrissene Violetta, Long Long ist ein leidenschaftlicher, wütender, verzweifelter Alfredo und Audun Iversen überzeugt mit seinem warmen, satten Bariton als Giorgio Germont, ruhig, bestimmt und bestimmend. Und was wäre eine Verdi-Oper ohne Chor, Momente von Gänsehaut pur!

Wiener Symphoniker Symbolbild

Nach dem Schlussapplaus ergiesst sich die Menschenmenge nochmal übers Festgelände, die Temperaturen sind immer noch unglaublich hoch, die Bars werden belagert für einen Abschlussdrink nach einem perfekt organisierten, perfekt orchestrierten und wunderschönen Abend.

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos:  bregenzerfestspiele.com/de Anja Köhler, Daniel Ammann und Karl Forster

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La Traviata in der Inszenierung von Damiano Michieletto ein wahrlich rauschendes Fest Foto Bregenzer Festspiele Daniel Ammann

Revueartige Showeinlagen gefallen der feinen Gesellschaft ebenso Foto Bregenzer Festspiele Daniel Ammann

La traviata Szenenfoto von Bregenzer Festspiele Anja Koehler

La traviata Szenenfoto von Bregenzer Festspiele Anja Koehler

Dieser Beitrag wurde am von unter kolumnen meiner gastkolumnisten, kultur allgemein, musik/theater/ausstellungen, weltweit veröffentlicht.

Über Leonard Wüst

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