Programm & Besetzung:
Richard Wagners „Götterdämmerung“ konzertant
Dresdner Festspielorchester, Concerto Köln
Dresdner Festspielchor der Richard-Wagner-Akademie
Kent Nagano Dirigent, Young Woo Kim Siegfried, Johannes Kammler Gunther
Daniel Schmutzhard Alberich, Patrick Zielke Hagen, Åsa Jäger Brünnhilde
Sophia Brommer Gutrune, Olivia Vermeulen Waltraute
Jasmin Etminan Erste Norn, Marie Luise Dressen Zweite Norn, Valentina Farcas Dritte Norn
Ania Vegry Woglinde , Ida Aldrian Wellgunde, Eva Vogel Floßhilde
Richard Wagner – „Götterdämmerung“: Ein gewaltiges Finale mit zwei überragenden Stimmen
Mit Richard Wagners „Götterdämmerung“, dem vierten und abschliessenden Teil des monumentalen „Ring des Nibelungen“, erreicht eine der gewaltigsten Geschichten der Operngeschichte ihren dramatischen Höhepunkt. Dass Wagner selbst von einem „Dritten Tag“ sprach, erklärt sich dadurch, dass „Das Rheingold“ als Vorabend und nicht als erster Tag des Zyklus gilt. Nach „Rheingold“, „Walküre“ und „Siegfried“ schliesst sich mit der „Götterdämmerung“ jener musikalische Kreis, den Wagner über Jahrzehnte hinweg geschaffen hat.
Für mich war dieser Abend zugleich eine besondere Rückkehr zu Wagner. Am 12. August 2016 hatte ich die „Götterdämmerung“ bei den Bayreuther Festspielen erlebt – damals als Abschluss eines vollständigen „Ring“-Zyklus. Zehn Jahre später begegnete mir das Werk nun in Luzern konzertant und unter völlig anderen Voraussetzungen. Statt Bühnenbild und Regie standen Stimmen und Orchester unmittelbar im Mittelpunkt.
Und gerade gesanglich war dieser Abend aussergewöhnlich.
Ein Sängerensemble auf sehr hohem Niveau
Unter der Leitung von Kent Nagano musizierten das Dresdner Festspielorchester, Concerto Köln und der Dresdner Festspielchor der Richard-Wagner-Akademie. Die historisch orientierte Aufführungspraxis zielte auf einen transparenteren Wagner-Klang und eine deutlichere Verbindung von Wort und Musik.
Doch so interessant die klangliche Konzeption auch war: Für mich wurde die Aufführung vor allem durch die Sängerinnen und Sänger getragen. An ihrer Spitze standen Åsa Jäger als Brünnhilde und Young Woo Kim als Siegfried. Beide erwiesen sich gesanglich als herausragende Persönlichkeiten dieses Abends. Jäger verfügte über die dramatische Kraft, die diese gewaltige Brünnhilde-Partie verlangt, während Kim den Siegfried mit einer bemerkenswerten Mischung aus Kraft, lyrischer Wärme und jugendlicher Unbekümmertheit gestaltete. Auch die von IOCO hervorgehobene Textverständlichkeit beider Stimmen war ein wesentlicher Pluspunkt.
VORABEND UND ERSTER AUFZUG – Das Glück ist bereits bedroht
Die Nornen eröffnen die „Götterdämmerung“ mit ihrer geheimnisvollen Beschwörung. Jasmin Etminan, Marie Luise Dressen und Valentina Farcas gestalteten diese Szene als klanglich prägnantes Dreigestirn. Der Schicksalsfaden, den sie spinnen, verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als er reisst, ist das Unheil unausweichlich.
Danach begegnen wir Brünnhilde und Siegfried noch einmal in scheinbarer Harmonie. Doch diese Ruhe ist trügerisch. Siegfried zieht hinaus, der Ring bleibt bei Brünnhilde – und damit setzt sich jene fatale Kette von Ereignissen fort, die am Ende die gesamte Götterwelt zu Fall bringen wird.
Åsa Jäger – eine Brünnhilde von beeindruckender Souveränität
Schon in diesem ersten Teil zeigte sich, weshalb Åsa Jäger zu den prägenden Stimmen des Abends gehörte. Ihre Brünnhilde besitzt nicht nur Kraft, sondern auch eine erstaunliche Differenzierungsfähigkeit. Gerade das ist bei Wagner entscheidend: Eine Stimme kann noch so gross sein – wenn sie nur laut und mächtig eingesetzt wird, verliert die Figur an Tiefe.
Bei Jäger war das Gegenteil der Fall. Ihre Stimme wirkte über die verschiedenen Lagen hinweg ausgeglichen, ihre Höhen besassen Durchschlagskraft, ohne dass die musikalische Linie darunter litt. Sie konnte die liebende Brünnhilde ebenso glaubhaft verkörpern wie die zutiefst verletzte und schliesslich zur Erkenntnis gelangende Frau.
Young Woo Kim – kein Held aus Stahl
Auch Young Woo Kim überzeugte als Siegfried. Die Partie gehört zu den anspruchsvollsten Tenoraufgaben Wagners, verlangt sie doch über lange Strecken enorme Kraftreserven. Kim bewältigte diese Herausforderung souverän.
Bemerkenswert war dabei, dass er Siegfried nicht als eindimensionalen Kraftmenschen zeichnete. Sein Gesang besass lyrische Qualitäten und eine sympathische, beinahe jugendliche Naivität. Gerade diese menschliche Seite machte den Helden glaubwürdig. Seine Höhen kamen sicher und präzise, während die Stimme zugleich genügend dramatisches Gewicht besass.
Damit standen sich zwei sehr unterschiedliche, aber ausgezeichnet miteinander harmonierende Wagner-Stimmen gegenüber.
Der verhängnisvolle Trank
Am Hof der Gibichungen nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Gunther, Gutrune und Hagen werden zu den Werkzeugen eines Geschehens, dessen Wurzeln weit zurückreichen. Siegfried erhält den verhängnisvollen Trank, vergisst Brünnhilde und verliebt sich in Gutrune.
Johannes Kammler gab Gunther mit einem kraftvollen, voluminösen Bariton und schönem Legato. Seine Figur besitzt dabei etwas Tragisches: Er ist zwar Teil der Intrige, wirkt aber nicht annähernd so dämonisch wie Hagen.
Sophia Brommer verlieh Gutrune ein prachtvolles stimmliches Format. Sie vermied jede übertriebene Exaltiertheit und machte aus Gutrune keine blosse Nebenfigur. Ihre Sehnsucht nach Siegfried wurde dadurch glaubwürdig.
ZWEITER AUFZUG – Hagen zieht die Fäden
Der zweite Aufzug gehört zu den dunkelsten Teilen des Werkes. Hagen tritt immer stärker ins Zentrum. Während andere Figuren von Liebe, Eifersucht oder verletztem Stolz bestimmt werden, verfolgt er unbeirrt sein Ziel: den Ring.
Mit Patrick Zielke stand dafür ein Sänger auf der Bühne beziehungsweise im Konzertpodium, der die Bedrohlichkeit dieser Figur überzeugend vermittelte. Sein Bariton besitzt ein markantes, dunkles Profil, seine Artikulation bleibt klar. Gerade diese Verbindung von Verständlichkeit und düsterer Klangfarbe machte seinen Hagen eindrucksvoll.
Patrick Zielke – ein Hagen mit gefährlicher Ruhe
Hagen muss nicht ständig laut sein, um bedrohlich zu wirken. Im Gegenteil: Seine Gefährlichkeit entsteht gerade daraus, dass er häufig ruhig und kontrolliert erscheint. Zielke verstand diese Qualität ausgezeichnet.
Er liess Hagen nicht als plakativen Bösewicht erscheinen, sondern als einen Mann, der seine Umgebung genau beobachtet und seine Mitmenschen manipuliert. Die Spannung entsteht dadurch, dass man als Zuhörer längst weiss, wohin seine Pläne führen, während die anderen Figuren noch in ihren eigenen Vorstellungen gefangen sind.
Alberich aus der Tiefe
Daniel Schmutzhard setzte als Alberich einen weiteren dunklen Akzent. Sein Auftritt ist zwar vergleichsweise kurz, besitzt aber innerhalb des Dramas enormes Gewicht. Er erinnert Hagen an seine Aufgabe und damit zugleich an die Vorgeschichte des gesamten „Ring“.
Schmutzhard stattete Alberich mit einer atmosphärisch starken Präsenz aus. Besonders die Begegnung zwischen Vater und Sohn erhielt dadurch jene unheimliche Spannung, die Wagner in diese Szene gelegt hat.
Alberich ist hier nicht mehr der ständig handelnde Gegenspieler aus dem „Rheingold“. Er erscheint vielmehr wie ein Schatten aus der Vergangenheit – und genau diese Qualität brachte Schmutzhard überzeugend zur Geltung.
Waltraute – eine Szene von grosser Intensität
Eine der emotional stärksten Szenen des zweiten Aufzugs gehört Olivia Vermeulen als Waltraute. Sie kommt zu Brünnhilde, um sie um die Rückgabe des Rings zu bitten. Hinter dieser Bitte steht die Angst um die gesamte Götterwelt.
Vermeulen gestaltete die Partie mit leuchtender Wärme und grosser vokaler Intensität. Ihre Stimme besass genügend Kraft für die dramatischen Momente und zugleich eine bewegende Innigkeit. Die mühelosen Höhen verliehen ihrer Bitte zusätzlichen Nachdruck.
Gerade weil die Szene nicht von äusserlicher Dramatik lebt, sondern von innerer Verzweiflung, war Vermeulens Gestaltung besonders überzeugend.
BRÜNNHILDE UND SIEGFRIED – Die Tragödie nimmt ihren Lauf
Wenn sich Brünnhilde und Siegfried wieder begegnen, ist das einstige Liebesglück endgültig zerstört. Siegfried erkennt seine frühere Geliebte nicht mehr. Brünnhilde wiederum kann nur zu dem Schluss kommen, dass er sie bewusst verraten hat.
Hier wurde nochmals deutlich, wie stark Åsa Jäger ihre Brünnhilde differenzierte. Sie musste nicht nur musikalisch gewaltige Linien bewältigen, sondern einen inneren Zusammenbruch darstellen: Liebe verwandelt sich in Schmerz, Schmerz in Wut und Wut schliesslich in den Wunsch nach Vergeltung.
Jäger sang diese Entwicklung mit grosser Ausdruckskraft.
Zwei Stimmen im Zentrum der Katastrophe
Auch Young Woo Kim blieb bis in die dramatischen Szenen hinein bemerkenswert sicher. Sein Siegfried ist kein bewusst betrügerischer Mann. Er handelt unter dem Einfluss des Zaubertranks und versteht selbst nicht, welches Unheil er anrichtet.
Gerade deshalb konnte Kim die Tragik der Figur glaubwürdig vermitteln. Seine Stimme besitzt genügend Kraft für die grossen Wagner-Bögen, bleibt aber zugleich beweglich und lyrisch.
So entstand zwischen Jäger und Kim ein spannendes musikalisches Verhältnis: Brünnhildes zunehmende Verzweiflung trifft auf Siegfrieds ahnungslose Unbekümmertheit. einer der grossen Vorzüge des Abends.
DRITTER AUFZUG – Siegfrieds Tod
Der dritte Aufzug führt unaufhaltsam zur Katastrophe. Siegfried begegnet den Rheintöchtern, die ihn vor dem Fluch des Rings warnen. Doch er nimmt die Gefahr nicht ernst.
Ania Vegry als Woglinde, Ida Aldrian als Wellgunde und Eva Vogel als Floßhilde bildeten ein stimmlich gut abgestimmtes Rheintöchter-Trio. Ihre Szene brachte nochmals eine ganz andere Farbe in den Abend: leichter, bewegter und beinahe verspielt, bevor die Tragödie ihren endgültigen Lauf nimmt.
Der Tod des Helden
Während der Jagd kehrt Siegfrieds Erinnerung zurück. Er erkennt wieder, was zwischen ihm und Brünnhilde geschehen ist. Doch nun ist es zu spät.
Hagen tötet ihn.
Young Woo Kim gestaltete Siegfrieds letzten Abschnitt mit jener Mischung aus Kraft und menschlicher Verletzlichkeit, die seine Interpretation von Anfang an ausgezeichnet hatte. Gerade dadurch wurde sein Tod nicht zum blossen Höhepunkt einer grossen Tenorpartie, sondern zum Verlust einer konkreten, sympathischen Figur.
Die Trauermusik
Nach Siegfrieds Tod übernimmt das Orchester die Erzählung. Wagners Trauermusik erinnert an den gefallenen Helden und führt zugleich durch den gesamten musikalischen Kosmos des „Ring“.
Für mich war diese Passage auch deshalb besonders eindrücklich, weil sie Erinnerungen an Bayreuth 2016 zurückbrachte. Damals wie heute schliesst sich an Siegfrieds Tod nicht einfach ein Schlussakkord an. Vielmehr scheint Wagner noch einmal die gesamte Geschichte an uns vorüberziehen zu lassen.
BRÜNNHILDE – Die eigentliche Heldin des Schlusses
Am Ende gehört die „Götterdämmerung“ ganz Brünnhilde. Sie erkennt nun die Zusammenhänge und zieht daraus ihre Konsequenzen. Der Ring muss zurück zu den Rheintöchtern, die alte Welt muss untergehen.
Hier wurde Åsa Jäger endgültig zur Primus inter pares des Sängerensembles.
Ihre Brünnhilde verfügte über jene Kombination aus dramatischer Kraft und musikalischer Differenzierung, die diese Partie verlangt. Die hohen Töne besassen Durchschlagskraft, doch nie wurde daraus blosses vokales Kräftemessen. Viel wichtiger war die Entwicklung innerhalb des Schlussmonologs.
Der grosse Schlussmonolog
Brünnhilde hat hier alles verloren: Siegfried, ihre Hoffnung und die Welt, in der sie bisher gelebt hat. Gleichzeitig ist sie die einzige Figur, die das grosse Ganze erkennt.
Jäger gestaltete diesen Monolog mit sorgfältig abgestuften dynamischen Übergängen. Ihre Stimme konnte aufleuchten, zurückgenommen werden und sich anschliessend wieder zu gewaltiger Kraft steigern.
Gerade in diesen letzten Minuten zeigte sich, dass eine Wagner-Stimme nicht allein gross sein muss. Sie muss erzählen können.
Und Åsa Jäger erzählte.
Die letzte Konsequenz
Brünnhilde lässt Siegfrieds Scheiterhaufen entzünden und reitet selbst in die Flammen. Der Ring kehrt zu den Rheintöchtern zurück, Walhall geht unter.
Das ist kein gewöhnliches Opernfinale. Wagner beendet damit nicht nur die Geschichte zweier Menschen, sondern eine gesamte Weltordnung.
Untergang und Erlösung liegen unmittelbar nebeneinander.
DIE NEBENROLLEN – Ein Ensemble ohne Schwachstelle
Bei aller Konzentration auf Brünnhilde und Siegfried darf nicht übersehen werden, wie stark das gesamte Ensemble besetzt war.
Johannes Kammler gab Gunther mit einem kraftvollen, voluminösen Bariton und ausgezeichnetem Legato. Sophia Brommer überzeugte als Gutrune mit grossem stimmlichem Format. Patrick Zielke verlieh Hagen die notwendige dämonische Autorität, während Daniel Schmutzhard als Alberich für atmosphärische Verdichtung sorgte.
Olivia Vermeulen setzte als Waltraute einen besonders leuchtenden Akzent. Ihre Szene mit Brünnhilde gehörte zu den emotionalen Höhepunkten des zweiten Aufzugs.
Auch die drei Nornen Jasmin Etminan, Marie Luise Dressen und Valentina Farcas eröffneten den Abend mit bemerkenswerter Geschlossenheit. Die Rheintöchter Ania Vegry, Ida Aldrian und Eva Vogel überzeugten durch ihre gute stimmliche Abstimmung.
Der Dresdner Festspielchor der Richard-Wagner-Akademie fügte sich markant in das dramatische Geschehen ein.
Ein Ensemble, das Wagner tragen konnte
Gerade bei einer konzertanten „Götterdämmerung“ kommt den Stimmen eine besondere Verantwortung zu. Es gibt keine Inszenierung, die Schwächen überdecken oder zusätzliche Charakterisierung liefern könnte.
Hier aber war diese Gefahr gering. Die Sängerinnen und Sänger zeichneten die Figuren allein durch Stimme, Sprache und musikalische Gestaltung.
Das machte die Aufführung unmittelbar.
KENT NAGANO UND DER HISTORISCHE KLANG
Kent Nagano verfolgte mit dem Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln einen historisch orientierten Ansatz. Die Verwendung von Darmsaiten, die tiefere Stimmung und historische Instrumente sollten sich dem Klangbild des 19. Jahrhunderts annähern. Auch die Bedeutung einer klaren Wortverständlichkeit spielt in dieser Aufführungspraxis eine wichtige Rolle.
Im Luzerner Konzertsaal war dieser Ansatz allerdings nicht in jeder Hinsicht unproblematisch. Der grosse Raum stellte den historischen Instrumenten erhebliche Anforderungen. Der Klang wirkte dadurch stellenweise weniger üppig, als man es von einer modernen Wagner-Besetzung gewohnt ist.
Transparenz statt Klangwand
Gleichzeitig hatte diese Zurückhaltung einen grossen Vorteil: Viele Details des Orchesters traten deutlicher hervor. Besonders die Holzbläser und die historischen Blechblasinstrumente entwickelten interessante Klangfarben.
Eine ungewöhnliche Besonderheit waren zudem die echten Stierhörner, die im zweiten Aufzug eingesetzt wurden. Solche Details machten hörbar, wie weit sich diese Aufführung vom gewohnten Wagner-Klang entfernt.
Für mich blieb der Orchesterklang deshalb ambivalent: interessant und vielfach aufschlussreich, aber nicht immer von jener überwältigenden Fülle, die man bei der „Götterdämmerung“ erwartet.
Zehn Jahre nach Bayreuth
Gerade der Vergleich mit meinem Bayreuther Erlebnis von 2016 drängte sich immer wieder auf. Damals stand eine szenische Aufführung im Zentrum, eingebettet in einen vollständigen „Ring“-Zyklus. Die Bühne, die Inszenierung und die besondere Atmosphäre von Bayreuth waren untrennbar mit dem musikalischen Erlebnis verbunden.
In Luzern war alles anders.
Hier standen die Sängerinnen und Sänger unmittelbar im Mittelpunkt. Keine Bühnenmaschinerie, kein Bühnenbild, keine Regieidee konnte den Blick von der Musik ablenken. Und vielleicht war genau das der besondere Reiz dieses Abends.
Ein anderer Wagner
Die historisch informierte Aufführungspraxis eröffnete neue Perspektiven, auch wenn sie mich klanglich nicht in jedem Punkt restlos überzeugte. Vor allem aber bewies diese „Götterdämmerung“, dass Wagners Musik auch ohne szenischen Apparat ihre enorme dramatische Kraft besitzt.
Und diese Kraft kam an diesem Abend vor allem aus den Stimmen.
Åsa Jäger und Young Woo Kim waren die gesanglichen Höhepunkte – zwei Wagner-Stimmen, die der riesigen Dimension ihrer Partien gewachsen waren und ihren Figuren zugleich menschliche Züge verliehen.
Jäger war dabei die eigentliche Ausnahmeerscheinung des Abends: eine Brünnhilde von beeindruckender Souveränität, mit dramatischer Kraft, kluger Dynamik und grosser Ausdrucksintensität. Young Woo Kim stand ihr als Siegfried mit erstaunlicher Sicherheit, lyrischer Qualität und sympathischer Bühnenpersönlichkeit kaum nach.
Ein würdiger Abschluss des „Ring“
Nach meinem Bayreuther Erlebnis von 2016 war diese Luzerner Begegnung mit der „Götterdämmerung“ somit keine Wiederholung, sondern eine neue Perspektive.
Wagner lässt am Ende die alte Welt untergehen. Der Ring kehrt ins Wasser zurück, Walhall wird zerstört, Brünnhilde verschwindet in den Flammen.
Was bleibt, ist die Musik.
Und in Luzern bleiben für mich vor allem zwei Stimmen in Erinnerung: Åsa Jäger als Brünnhilde und Young Woo Kim als Siegfried. Sie machten aus der konzertanten Aufführung weit mehr als eine historische Klangstudie. Sie gaben diesem gigantischen Finale menschliches Gewicht.
Die Götter gehen unter. Der Ring schliesst sich. Doch die Stimmen bleiben.
Das Publikum im praktisch vollen Konzertsaal feierte die Ausführenden mit einer verdienten „Standing Ovation“ und Bravorufen.
Ich bin absolut kein Wagnerianer, aber seine Musik ist halt schon genial.
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: Priska Ketterer, Peter Fischli und Patrick Hürlimann www.lucernefestival.ch
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