Migros Kulturprozent Classics, Ara Malikian’s «Intruso», Tonhalle Zürich, 28.10.2026, besucht von Léonard Wüst

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Tonhalle Zürich aussen Foto Georg Aerni

Ara Malikian bestaunt von seinen Mitmusikern Foto Max Thürig

Ara Malikian’s «Intruso»,

Besetzung:
ARA MALIKIAN · Violine
IVÁN «MELÓN» LEWIS · Klavier
DAYAN ABAD · Gitarre
IVÁN RUIZ MACHADO · Bass und Kontrabass
PICO MILLÁN · Schlagzeug

1.Hintergrund zum Abend

Das Programm «Intruso»

Ara Malikian

Unter dem Titel «Intruso» präsentierte Ara Malikian in der Grossen Tonhalle Zürich weit mehr als einen klassischen Violinabend. Bach und Mozart sollten auf Jazz, Flamenco, Tango, Klezmer, kubanische Musik und weitere Klangwelten treffen. Der spanische Titel lässt sich als «Eindringling» oder «Aussenseiter» übersetzen und verweist auf Malikians Perspektive zwischen verschiedenen kulturellen und musikalischen Welten.

Biografie als künstlerischer Ausgangspunkt

Ara Malikian in Aktion Foto Max Thürig

Malikian wurde im Libanon geboren und stammt aus einer armenischen Familie. Erfahrungen des Fremdseins begleiteten ihn später auch in Europa. Aus dieser zunächst belastenden Position entwickelte er eine künstlerische Stärke: Statt sich für eine einzige Identität zu entscheiden, machte er Vielfalt zu seiner musikalischen Heimat. Seine klassische Ausbildung verbindet sich deshalb mit osteuropäischer Volksmusik, orientalischen Traditionen, Tango, Flamenco und Klezmer.

Die Band

Iván «Melón» Lewis am Piano

Begleitet wurde Malikian von vier kubanischen Musikern: Iván «Melón» Lewis am Klavier, Dayan Abad an der Gitarre, Iván Ruiz Machado an Bass und Kontrabass sowie Pico Millán am Schlagzeug. Die Besetzung ermöglichte solistische Passagen, dichte rhythmische Abschnitte und energiegeladene Ensembleszenen. Aus dem angekündigten Violinprogramm wurde so ein gemeinsames Bühnenerlebnis mit starker kubanischer Prägung.

2.Persönliche Eindrücke

Ein Geigenwirbelwind im Zentrum

Iván Ruiz Machado Bassist

Die fünf Musiker boten eine rasante Show, bei der der libanesische Geigenwirbelwind klar im Mittelpunkt stand. Ara Malikian beherrschte die Bühne mit temperamentvollem Spiel, körperlicher Präsenz und einer beinahe unerschöpflichen Energie. Ab und zu erhielt auch der famose Pianist Iván «Melón» Lewis etwas Auslauf für längere Improvisationen. Diese Momente brachten zusätzliche Farbe in den Abend, ohne jedoch die zentrale Rolle des Violinisten infrage zu stellen. Malikian blieb der Fixpunkt, um den sich Band, Inszenierung und musikalische Dramaturgie drehten.

Klassische Namen, schwer erkennbare Spuren

Obwohl sich Malikian ausdrücklich auf Bach, Mozart und andere Grössen vergangener Musikepochen berief, gelang es mir nicht, auch nur eines der vorgetragenen Werke eindeutig einem dieser Komponisten zuzuordnen. Ich hatte vielmehr das Gefühl, Eigenkompositionen, freie Bearbeitungen oder ausgedehnte Improvisationen zu hören. Fabelhaft gespielt waren sie, zugegebenermassen. Doch gerade die stilistische Offenheit und die fehlenden klaren Wiedererkennungspunkte dürften nicht jedermanns Sache gewesen sein.

Drei Vorbilder für den Schlussteil

Für den abschliessenden Konzertteil kündigte Ara Malikian Werke dreier von ihm besonders geschätzter Komponisten der jüngeren Garde an:

Astor Pantaleón Piazzolla (1921-1992), den ungekrönten Tangokönig; Francisco Gustavo Sánchez Gómez (1947-2014), besser bekannt als Paco de Lucía, den grossen Flamencostar
sowie Jimi Hendrix (1942-1970), Gitarrenhexer und Woodstock-Legende.

Die Ankündigung weckte die Erwartung, ihre charakteristischen musikalischen Handschriften im weiteren Verlauf deutlich wiederzuerkennen.

Auch die angekündigten Vorbilder blieben verborgen

GIitarrist Dayan Abad

Doch auch hier gelang es mir selbst unter Aufbietung sämtlicher in mir schlummernder Fantasie nicht, eines der vorgetragenen Werke klar einem der drei Genannten zuzuordnen. Ich denke nicht, dass ich damit allein war. Schon zuvor hatten einzelne Besucherinnen und Besucher den Saal verlassen, offenbar ebenfalls etwas ratlos über das Gebotene. Ob dies tatsächlich der Grund für ihren vorzeitigen Aufbruch war, lässt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen; als Eindruck des Abends blieb jedoch eine gewisse Orientierungslosigkeit zurück.

Zu virtuos für das Etikett Musikclownerie

Iván «Melón» Lewis Piano

Wären nicht alle Ausführenden aussergewöhnlich gute Musiker, könnte man das Ganze vorschnell als Musikclownerie abstempeln. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Die technische Qualität, das präzise Zusammenspiel und die enorme Bühnenenergie widersprechen einer solchen Abwertung. Zugleich entzieht sich die Darbietung den üblichen Kategorien. Malikian verbindet Virtuosität, Humor, theatralische Gesten und stilistische Sprünge zu einer Form, die bewusst zwischen ernsthaftem Konzert und ausgelassener Bühnenshow oszilliert.

Eine Schublade gibt es dafür nicht

Ara Malikian Aussage

Für den Violinvirtuosen findet sich kaum eine passende Schublade. Seine von ihm selbst kreierte Musikform erinnert in ihrer Freiheit entfernt an den frühen Free Jazz: weniger ein klar abgrenzbares Genre als ein offenes Spielfeld, auf dem Klassik, Rock, Weltmusik und Improvisation aufeinanderprallen. Vielleicht liesse sich das Ergebnis als eine Art «Free Violin Rock» bezeichnen. Der Begriff bleibt hilflos, beschreibt aber immerhin den Versuch, aus bekannten Stilen etwas Eigenes und schwer Einzuordnendes zu schaffen.

Zwischen Rasputin und tanzendem Derwisch

Grigori Rasputin

Zusammengefasst hinterliess Malikian bei mir den Eindruck einer Mischung aus Rasputin und tanzendem Derwisch: äusserst eigenartig, faszinierend und in seiner Wirkung kaum neutral zu erleben. Gerade diese Eigenwilligkeit machte den Abend unverwechselbar, wirkte auf mich aber zugleich etwas unpassend im Programm von Migros-Kulturprozent-Classics. Wer einen klassischen Violinabend erwartet hatte, dürfte überrascht oder überfordert gewesen sein; wer sich auf eine virtuose Grenzüberschreitung einliess, bekam eine aussergewöhnliche Show.

Kleine Kostprobe

Einen Eindruck von Ara Malikians Bühnenpräsenz und musikalischer Ausdrucksweise vermittelt die folgende Video-Kostprobe: youtube.com/watch?v=dNyl7xjOMNs.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos Migros Kulturprozent Classics und Max Thürig

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Tonhalle Zürich Foto Georg Aerni

Iván Melón Lewis Piano

Die Musiker beim Schlussapplaus Foto Max Thürig