
Jérôme Leuba, battlefield #151 / 4 Propositions – Cleaning, 2022, aufgeführt anlässlich des Swiss Performance Art Award, Kunstmuseum Luzern, Foto: Jérôme Leuba
Die Vergänglichkeit gehört zur Natur der Live-Performance. Museen hingegen sammeln traditionellerweise materielle, unveränderliche Werke. Dies ändert sich aktuell; immer häufiger wollen Museen auch Performances in ihre Sammlung aufnehmen. Wie lassen sich solche Werke kaufen und später erneut aufführen? Ein Team der Hochschule Luzern untersuchte bestehende Beispiele und entwickelte daraus ein Handbuch für Künstlerinnen und Künstler, Museen und Galerien.
Neuland mit ungeklärten Fragen
«Jede Performance ist anders, und da stellt sich die Frage: Wie kauft man ein Werk, das keinen fixen Originalzustand hat? Wie garantiert man die Authentizität einer Wiederholung? Und was gehört in einen Vertrag, wenn das Werk nur aus einer Idee, einem Score oder einer Choreografie besteht?», sagt Siri Peyer, Expertin der Hochschule Luzern, die von Anfang an am Projekt beteiligt war. Manche Performances schliessen Gegenstände, den Umgang mit dem Raum oder gar Rituale mit ein. Wie kommt hier ein Verkauf zustande, der dem Werk, der Künstlerin oder dem Künstler und den sammelnden Institutionen gerecht wird?
Konkrete Beispiele als Grundlage
Die Hochschule Luzern hat sich im Forschungsprojekt «Live-Performances sammeln» mit dem Thema auseinandergesetzt. Das Team hat international Fallbeispiele untersucht, vier Schweizer Künstlerinnen und Künstler haben im Rahmen des Projekts eigene verkäufliche Performances entwickelt und die Zusammenarbeit mit Schweizer Museen stellte sicher, dass deren Fragen und Vorbehalte aufgenommen wurden. Das Resultat von vier Jahren Forschungsarbeit in einem interdisziplinären Team ist nun ein Handbuch inklusive Empfehlungen und Musterverträgen. Unterstützt wurde das Projekt vom Schweizerischen Nationalfonds. Die Publikation analysiert reale Ankaufsprozesse der vergangenen Jahre und leitet konkrete Handlungsempfehlungen ab. Das Handbuch richtet sich sowohl an Künstlerinnen und Künstler als auch an Direktorinnen, Kuratoren, Juristinnen und Sammlungsverantwortliche, die sich auf diese neue Form des Sammelns einlassen wollen.
Frauen, die im Weg stehen
Wie sich alltägliche Situationen als wiederholbare Kunstwerke verkaufen lassen, zeigt zum Beispiel Annika Ström. Sie hat Arbeiten entwickelt, die aus einfachen, aber präzisen Anweisungen für die Performenden bestehen. In «Seven Women Standing in the Way» etwa wurden sieben Frauen engagiert, die während einer Vernissage im Eingang standen, tranken, redeten und dadurch den Zugang für andere blockierten. Das Werk ist also die Idee, nicht die spezifische Aufführung von 2011. Dank der klaren Anleitung können Schauspielerinnen es auch Jahre später an einem völlig anderen Ort exakt reproduzieren. Hier wird die Performance zur käuflichen «Partitur», ähnlich einem Musikstück, das von verschiedenen Orchestern gespielt werden kann.
Öffentlich putzen
Jérôme Leuba hat sein Werk «battlefield #151 / 4 propositions – 1 cleaning» von 2021 im Rahmen des Forschungsprojektes so adaptiert, dass es verkauft werden kann. Er zeigt darin die ansonsten ausserhalb der regulären Besuchszeiten durchgeführte Arbeit des Putzens: Eine Gruppe von mindestens vier Personen reinigt öffentlich zugängliche Museumsräumlichkeiten, die nicht als Ausstellungsräume dienen. Alle 15 Minuten wechseln sich Putzen und Pausen ab. Beides findet in den gleichen Räumen für alle sichtbar statt. Wenn die Gruppe nicht putzt, sitzt sie etwa auf Treppen, trinkt, isst, diskutiert und positioniert sich dabei so, dass Besuchende zwischen ihnen durchgehen können. Für den Verkauf hat Leuba ein Manual geschrieben. Damit lässt sich das Werk auch ohne ihn erneut aufführen.
Detaillierte Scores und Manuals
Andere Künstlerinnen und Künstler übergeben beim Verkauf detaillierte schriftliche Anweisungen, Videos und technische Manuals. Diese Dokumente definieren die Identität des Werkes so präzise, dass es von Tänzerinnen oder Schauspielern ohne Anwesenheit der Kunstschaffenden reaktiviert werden kann. Bei Werken, in denen das Museumspersonal oder gar das Publikum Teil der Aufführung ist, zeigt das Handbuch auch auf, wie solche partizipativen Elemente vertraglich geregelt und personell betreut werden müssen.
Die Publikation versteht sich als praktisches Werkzeug. Sie führt Institutionen und Kunstschaffende Schritt für Schritt durch den komplexen Prozess des An- und Verkaufs. Das beginnt bei der Definition dessen, was genau gekauft wird – nur die Aufführungsrechte? Requisiten? ein umfassendes Tool-Kit? –, und einem modularen «Vertragsbaukastensystem» mit Mustertexten für Auftrags-, Kauf- und Lizenzverträge, angepasst an die spezifischen Bedürfnisse von Performancekunst. Das Handbuch zeigt auch, welche Abteilungen im Museum eingebunden werden müssen und was es zu dokumentieren gilt. Die Buchvernissage findet am 14. November bei einem Brunch am Performance Festival Before Today in Basel statt. Dort bringen Performerinnen und Performer aus Schweizer und internationalen Sammlungen ausgeliehene Performances neu zur Aufführung und machen so die Forschung in der Praxis erfahrbar.
Buchvernissage
Buchvernissage Live-Performances sammeln. Ein Handbuch zur Handhabung flüchtiger Kunst, mit Siri Peyer, Hochschule Luzern – Design Film Kunst, im Rahmen des Performance Festivals Before Today
Wann: Samstag, 14. November 2026, 11 Uhr
Wo: Ausstellungsraum Klingental, Kasernenstrasse 23, 4058 Basel
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Performance-Festival «Before Today»
Wann: Donnerstag, 12. bis Samstag, 14. November 2026
Wo: Ausstellungsraum Klingental, Kasernenstrasse 23, 4058 Basel
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